Gerade
eben habe ich auf meinen ersten Blog zurückgeblickt. Er hieß "Who
cares?" und der erste Post entstand am 3. Februar 2011. Es ist
erstaunlich. Fast 9 Jahre sind ins Land gestrichen, alles hat sich verändert
und gleichzeitig ist alles beim Alten geblieben. Ein neues Bild auf alter
Leinwand ist entstanden. Neue Stadt, neue Erfahrungen, neue Lebensumstände. Man
sollte meinen, ich sei ein anderer Mensch geworden, aber man braucht nur die
obere Schicht meines Selbstbilds abkratzen, um zu sehen, dass darunter immer
noch ein ängstliches Kind portraitiert ist. Schon damals wollte ich sterben und
wenn ich es grade mal nicht wollte, so habe ich meist Schmerz verschiedenster
Spielarten genutzt, um diesen Zustand herbeizuführen. Drogen, Alkohol und
Ausschweifungen markierten stets Meilensteine auf meinem Weg aus der Leere, aus
der emotionalen Überfüllung, aus dem Denken. Und wohin? Ich habe mich gehasst
und hasse mich, das ist Teil meines Lebens und zur Normalität übergegangen.
Meine Aufzeichnungen waren damals gebündelt auf dem Blog, aber auch ziellos und
ohne Struktur wie die heutigen. Sie haben sich lediglich entsprechend der vorherrschenden
Gegebenheiten auf verschiedene Medien verteilt.
Eine
Zeit lang habe ich meinen Gedankenwust in ungelenkem Englisch auf Tumblr
ergossen. Währenddessen konnte ich mich auf eine angenehme Art von meinen
Gedanken distanzieren, habe aber auch gleichzeitig den Bezug zu ihnen verloren.
Ich konnte keinen eigenen Ausdruck und Stil finden, sondern war auf in der
Vergangenheit aufgeschnappte und gelernte Phrasen angewiesen. Der größte
Vorteil von Tumblr war, dass ich schnell und im akuten Zustand meine Gedanken
erwischen konnte. Die Gefahr des Vergessens war gebannt. Das schlimme am
Vergessen ist nämlich, dass nur der Inhalt vergessen wird. Das Gefühl bleibt
hängen wie miefiger Dunst, dessen Ursprung man sich nicht entsinnen kann,, und durchzieht alle Hirnwindungen schleichend.
Ein
weiterer Teil steht in meinen Notizheften geschrieben. Tagebücher fand ich
immer peinlich, aber ich habe auch gemerkt, dass ich zunehmend Vergesse. Es
passiert einfach zu viel in mir, dass seinen Weg hinaus sucht. Manchmal scheint
es mir, als ob mein Speicher voll ist und für neue Gedanken alte überschrieben
werden müssen. Dieses Vergessen macht mir Angst. Kürzlich hat mich auf einem
Acidtrip eine Erinnerung heimgesucht, die Jahre verloren war. Eine glückliche
Erinnerung an meine Kindheit, die mir abhandengekommen ist, während all die
traumatischen Ereignisse sich wie Dauerwerbesendungen in meinem Kopf wieder und
wieder und wieder abspielen. Das Vergessen macht mir Angst. Vergessen ist
Vergänglichkeit ist Tod. So wie meine Erinnerung an Dinge verblasst, so sterben
diese Dinge. Jedes Sterben der Dinge scheint mir ein Schritt zu meinem eigenen
Sterben und vergessen werden. Die Notizhefte sind nur Ventil, haben keinen
Wert. Handschriftlich meinen Gedanken zu folgen ist ein fruchtloses
Unterfangen. Ich kann nicht so schnell schreiben, wie ich denke und nicht so
oft korrigieren, wie mein Denken die Richtung ändert, hier aufhört und an
anderer Stelle wieder ansetzt. Der Inhalt stellt mich letzten Endes meist nicht
zufrieden, aber etwas Permanentes erschaffen zu haben, Seiten,
die man anfassen und fühlen kann, gibt mir eine seltsame Gewissheit. Es lässt
die Gedanken Teil der Realität werden, greifbar, wenn auch nicht für andere
nachvollziehbar. Manchmal fühlt es sich kurz fast so an, als würde ich Ballast
abwerfen. Aber nur fast. Die Schwere findet ihren Weg immer zurück.
Doch
der Großteil und gleichzeitig der am belastendstene Teil meiner Gedanken ist
der alleinig gedachte. Über ihn vermag ich nie Kontrolle zu erlangen. Es sind
zu flüchtige Gedanken. Undenkbare Gedanken. Abstrakte Gedanken, nicht mehr als
widersprüchliche Gefühle. Ich jage ihnen nach, will mit ihnen arbeiten oder sie
zumindest irgendwo festhalten, aber es ist, als ob man einen Geist jage. Als ob
man versuche Nebel einzufangen. Kontrollverlust, Übergangen werden und
Hilflosigkeit führen zu Angst. Am Ende läuft jede Gedankenkette zu meinem Tod.
Ob erwünscht oder nicht, ob gefürchtet oder ersehnt, er ist gegenwärtig.
tbc
tbc